Melanie Oesch "Jodeln gibt mir einen Kick" Ihre Mitschüler rümpften einst die Nase - Melanie Oesch, eine Jodlerin. Jetzt ist sie mit der Familienkapelle der Stern am Volksmusikhimmel, und einige der skeptischen Mitschüler sind heute die treusten Konzertgänger. Melanie Oesch, der Stern am Volksmusikhimmel, wohnt mit ihrer Familie in Schwarzenegg im Berner Oberland sie sind ein eingespieltes Team - nicht nur im übertragenen Sinn. Seit drei Generationen pflegen sie die Volksmusik, ihre Formation heisst deshalb Oesch?s die Dritten. Früher waren sie nur im regionalen Umfeld ein Begriff. Ab 17. Februar 2007 änderte sich alles. Als Nobody trat die Familiengruppe in einem Nachwuchswettbewerb in der Fernsehsendung «Musikantenstadl» auf und gewann den ersten Preis. Dieser Auftritt katapultierte die Hobbymusiker ins Scheinwerferlicht der internationalen alpenländischen Musikshows. Jetzt ist die sechsköpfige Familienkapelle eine Star-Formation und mit dem Stück «Kuku-Jodel» haben sie sogar im Finale um den Titel den «besten Schweizer Hit» gelandet. Sie wirkt frisch und lebendig Zu verdanken ist der kometenhafte Aufstieg vor allem der Jodlerin Melanie. Sie jodelt mit einem virtuosen Zungenschlag und einer Stimme, die klar ist wie ein Bergbach. Spielend springt sie hinauf ins zweigestrichene C und höher. Für sie gibt es nichts Schöneres, als auf der Bühne zu stehen und zu sehen, wie der Funke aufs Publikum überspringt. Und das tut er: Es ist, als ob die Volksmusikfreunde auf diese junge Frau gewartet hätten. In der etwas verknöcherten Umgebung des volkstümlichen Schlagers wirkt sie frisch und lebendig. Das zieht. Plötzlich tauchen junge Leute an ihren Konzerten auf, die vorher mit Volksmusik überhaupt nichts am Hut hatten. «Eine junge Jodlerin widerspricht der Klischeevorstellung und gilt deshalb als etwas Besonderes», versucht Melanie Oesch das Phänomen ihrer Popularität zu erklären. Wie dem auch sei. Oesch?s die Dritten wurden vom Erfolg überrumpelt. Eines Tages strichen Fotografen um ihr Haus. Die deutsche Regenbogenpresse dichtete Melanie jede Woche einen neuen Liebhaber aus dem Show-Business an, und die «Glückspost» verbreitete diese Gerüchte eifrig weiter. Melanie lacht etwas gequält. «Ich nehme es nicht ernst, es ist völlig irreal», sagt sie. Aber für ihren Freund Othmar, mit dem sie seit zweieinhalb Jahren zusammen ist, sei das natürlich belastend. Trotz des Rummels haben Oeschs nichts von ihrer angeborenen Bodenständigkeit verloren. «Wir wissen noch nicht, wie man sich als Star benehmen soll», sagt Mutter Annemarie, 45, die die zweite Stimme singt. Vater Hansueli, 50, flinker Schwyzerörgelispieler und auf gut Berndeutsch eine «Gmüetsmoore», gibt zu bedenken: «So schnell, wie wir aufgestiegen sind, können wir auch wieder vergessen werden.» Deshalb versuchen Oesch?s die Dritten trotz der vielen Auftritte ihren gewohnten Alltag und Beruf weiterzuführen: Hansueli als Postangestellter, Annemarie als Pflegefachfrau, Mike, 19, als Kaufmann und angehender Skirennfahrer, Kevin, 18, als Heizungsinstallateur und Heinz Haldi, 42, als Mechaniker bei der Gondelbahn Zweisimmen. Vater Hansueli, der die Musikszene seit Jahrzehnten kennt, weiss: «Es gibt in der Schweiz keine Plattform, die es sechs Personen erlaubt, allein von Musik zu leben.» Wenn es jemand als Profi schaffen könnte, dann sicher die Melanie. Doch Melanie schlägt alle Anfragen für Einzelauftritte aus. Wenigstens vorläufig strebt sie keine Solokarriere an. «Wir haben den Erfolg zusammen aufgebaut, ich will mit der Gruppe spielen», sagt sie. Dass sie selber von den Medien stark in den Mittelpunkt gerückt wird, behagt ihr nicht. «Wir haben es privat als Familie sehr gut - aber auf der Bühne haben wir es noch besser.» Die gemeinsamen Auftritte hätten die Familienbande noch gestärkt. Sie kümmert sich jetzt als Einzige vollberuflich um das Familienensemble. Schaut, das die Kostüme gebügelt sind, gibt den «Tenübefehl» durch, wählt neue Musikstücke aus und koordiniert die Auftritte. Mit fünf trat sie an Geburtstagen, Hochzeiten und Unterhaltungsabenden auf. Vater und Grossvater Oesch, die in einem Ländlertrio spielten, liessen die drei Kinder bei diesen Anlässen ab und zu mitsingen. Mit der Zeit lernte Melanie vom Vater das Jodeln, und die Brüder begannen Gitarre und elektrischen Bass zu spielen. Keine typischen Volksmusikinstrumente. Doch das gehört zum Oesch-Stil: Man pflegt zwar die Traditionen, baut aber auch Neues ein. Die Devise von Vater Hansueli Oesch lautet: «Man soll das spielen, was einem Freude macht.» Für Melanie und ihre beiden Brüder war es das Grösste, wenn sie zu solchen Auftritten mitdurften. Spätestens am Musikgymnasium in Thun merkte Melanie aber, dass Jodeln bei den Gleichaltrigen nicht zu den angesagtesten Musikstilen gehört. «Die waren fast schockiert, als sie hörten, es komme da eine, die jodle», erinnert sie sich. Doch Melanie wusste schon damals genau, was sie wollte. Sie nahm zwar klassischen Gesangsunterricht, achtete aber darauf, dass das ihrer Jodeltechnik nicht schadete. Von ihrer Lehrerin wurde sie sehr unterstützt und erreichte, dass sie an der Maturaprüfung einen Jodel vortragen durfte. Das hatte es noch nie gegeben. Inzwischen gehören einige der damals skeptischen Schulkollegen zu den treusten Konzertgängern von Oesch?s den Dritten. «Das Interesse am Jodeln ist gestiegen» Kritik kommt paradoxerweise vom Eidgenössischen Jodlerverband. Der ist kaum hundert Jahre alt, vertritt aber eine konservative Linie und schreibt vor, welche Silbenfolgen beim Jodeln zugelassen sind, wie man atmen und wie man die Hände halten soll. Weder die Musik von Oesch?s den Dritten noch ihre Fantasietrachten passen in dieses Schema. Melanie nimmt die Kritik gelassen. Nicht nur sie treibt auf einer Erfolgswelle, auch beim letzten Eidgenössischen Jodlerfest des Jodlerverbandes gab es einen grossen Besucheraufmarsch. «Das Interesse am Jodeln ist gestiegen», bestätigt der Musikethnologe Dieter Ringli. Er vermutet, dass lokale Traditionen erstarken als Gegenbewegung zur Globalisierung. Zum Stilstreit über das richtige Jodeln meint er: «Den schnellen, virtuosen Stil, den Oesch vorträgt, gibt es so lange wie den Jodlerverband.» Zwar werde er hauptsächlich in Österreich, Deutschland und den USA gepflegt, doch vereinzelt auch in der Schweiz. Melanie Oesch verfolgt ihre Ziele beharrlich. Beim Jodeln lässt sie sich von niemandem dreinreden, sondern pflegt ihren ganz persönlichen Stil. Das Jodeln sei für sie etwas sehr Kostbares, eine Leidenschaft. «Es gibt mir eine Art Kick, wie das vielleicht beim Spitzensport vorkommt.» Das verbindet sie mit ihrem Bruder Mike. Er war Junioren-Schweizer-Meister im Super-G, laboriert nun aber an einer langwierigen Knieverletzung. Doch noch verfolgt er seinen Traum. Melanie sagt, Mike gehe es mit dem Skifahren wie ihr mit dem Jodeln: «Ich bin sehr ehrgeizig und habe immer das Beste von mir verlangt.» ____________________________________________________________ |